«… hier sitze ich, aber nicht in Rosen und ebenso wenig mit Veilchen bekränzt, sondern mit einem Stück Langeweile und schreibe …»
Über das Bäderwesen in seiner Blütezeit erfahren wir aus vielen Chroniken und Archiven, dass die «gute alte Zeit» nicht nur geprägt war von «für was alles Baden heilsam war …», sondern vielfach auch als «Zeit des Sittenzerfalls und des wilden Treibens». Von den einst über dreissig Bad- und Kur-Etablissements im Emmental existieren heute bloss noch sieben «Bädli» als Hotel oder Gasthof.
Wasser ist Leben. Wasser prägt unseren Lebensraum und unser Verhalten. Ohne Wasser kein Leben. Seit vielen Jahrhunderten, ja gar seit Jahrtausenden beschäftigte sich die Menschheit insbesondere mit Wasser aus besonderen Quellen, das durch Geruch, Farbe oder sonstige Besonderheiten auffiel und das eine heilkräftige Wirkung vermuten liess. Daraus erklärt sich die Gründung vieler Mineralbäder in vielfach auch abgelegenen und oft nur schwer zugänglichen Gebieten.
Für die Römer war alleine schon gewöhnliches Trinkwasser von grösster Bedeutung, bauten sie doch imposante Leitungen über weite Distanzen, um Bevölkerung, Tiere und Kulturen zu versorgen. Viele kennen wohl die Aquädukte in Avignon (Provence). Aber auch dem warmen Wasser wurde rasch grösste Bedeutung beigemessen. Imposante Thermen mit Römischen Bädern wurden ins-besondere für Heil- und Kuraufenthalte, allem voran aber auch für das Wohlbefinden der Oberschichten gebaut. Damit beginnt die gesellschaftliche, kulturelle und auch touristische Bädergeschichte. Leukerbad, Yverdon, Baden oder Bad Ragaz sind Beispiele in der Schweiz, die bis in die heutigen Tage von grosser Bedeutung sind. Ganz anders im Emmental. Da sind von den zahlreichen Bädern leider nur noch deren Namen übrig geblieben!
Alle Tugenden im Wasser
Badquellen befanden sich meist am Ende von nur schwer zugänglichen Seitentälern. So war das warme Wasser in der Tamina-Schlucht nur durch «abseilen» über die steile Felsschlucht erreichbar. Liest man den Beschrieb des Einsiedlerarztes Theophrastus Bombastus von Hohenheim, besser bekannt unter dem Namen Paracelsus, so nahm man die Mühen und Strapazen zum Erreichen der warmen Quelle mit Blick auf die Heilerfolge gerne auf sich. «In den Wässern sind alle Tugenden», hielt er fest und pries die Wasseranwendung als Allerweltheilmittel. «Patienten» reisten oft mit ganzen Familien das erste Mal in ihrem Leben aus den gewohnten Umgebungen an und begründeten so den Kur-Tourismus.
Im 18. Jahrhundert wurden Land auf, Land ab Quellen entdeckt, die medizinisch nutzbar gemacht wurden. Apotheker entwickelten Methoden, das Wasser zu analysieren und ihm spezifische Wirkungen zuzuordnen. Das beflügelte das Bäderwesen immens. Allein im Berner Oberland wurden im 18. und 19. Jahrhundert an die vierzig Quellen von Einheimischen lokal genutzt. Einige Bäder erlangten gar überregionale und internationale Bedeutung.
Und im Emmental? Da gab es gemäss Aufstellung (siehe Seite 14) zu dieser Zeit die stattliche Anzahl von mehr als dreissig entsprechenden Adressen. Vergleicht man diese Bäderliste mit der heutigen Realität, existieren keine eigentlichen Bäder mehr. Allerdings lohnt sich heute dennoch eine Reise zu den überlebenden «Bädli» im Hügu-Himu-Land alleweil. Dies zum einen aus landschaftlichen, vor allem aber aus kulinarischen Gründen und mancherorts auch wegen des kulturellen Angebots.
Jeder wollte gut Spiel machen
Um die Wende zum 20. Jahrhundert war das Gurnigel Bad mit 600 Betten das grösste Hotel der Schweiz. Gräfin Schuwaloff mit «fille de chambre» und «dame de lectrice» war ebenso Gast wie der Konsul von Buenos Aires. Auch dem Emmentaler Dichterpfarrer Jeremias Gotthelf war das Gurnigel Bad nicht unbekannt. Zum einen äusserte er sich 1839 in einem Brief an einen Freund zu den Erweiterungsplänen der Uranlage, dass er « … weder als Armer noch als Zahlungsfähiger des Gurnigel viel zu bedürfen …». Dennoch verweilte er auf ärztlichen Rat im August 1853, also ein Jahr vor seinem Tod, selber zur Kur vor Ort. In einem Brief an seine Frau tönt es allerdings nicht gerade erbauend: «… hier sitze ich, aber nicht mit Rosen und ebenso wenig mit Veilchen bekränzt, sondern mit einem Stück Langeweile am Hals und schreibe …»
Und letztlich dient ihm das Gurnigel Bad im Roman Uli der Knecht als Schauplatz humoristisch spitzer Erlebnisse mit der Glunggen-Bäuerin und ihrer eitlen, hochnäsigen, aber heiratswilligen Tochter Elisi, die gemeinsam zwei Wochen an diesem Nobelort verbringen: «… im Gurnigel war grosse Freude, als ds Elisi so schön himmelblau zum Vorschein kam. Die Frauen lächelten auf den Stockzähnen, spazierende Männer lachten laut …» Als aber bekannt wurde, dass Elisi, Erbin von «wenigstens hunderttausend Pfund» sei, wurde es flugs mit anderen Augen betrachtet und im Handkehrum «… wollte jeder gut Spiel machen, und Anknüpfungspunkte suchen…». Am meisten Glück hatte bekanntlich der geschniegelte Baumwollhändler aus dem Baselbiet: «… er war im Himmel, tanzte, wie wenn er über das Stockhorn aus wollte, liess Champagner kommen und liess es flott gehen, … Elisi schwamm im Glück …» Das weitere Schicksal ist wohl den meisten bekannt. Elisi heiratete nach Rückkehr auf die Glungge den Baumwollhändler, um bereits nach kurzer, aber qualvoller Zeit wieder allein und ohne Hab und Gut dazustehen.
Wildes Treiben in den Mineralbädern
Damit Ordnung und Sitte eingehalten wurden, benötigten die Bäder für ihren öffentlichen Betrieb eine obrigkeitliche Konzession. Entsprechende Betriebsordnungen mussten eingehalten werden. Baden bedeutete eben nicht immer nur Reinigung oder Kuren, sondern vornehmlich auch Unterhaltung und Abwechslung vom Alltag. Dass es dabei oft zu Klagen gegen Unbelehrbare kam, geht aus verschiedenen Chorgerichtsmanualen hervor, die sich als wahre Fundgruben über Auswirkungen sittlicher Ausschweifungen aller Art und «ärgerliches, gottloses Wesen» der «guten alten Zeit» entpuppen. Das wilde Treiben in den meist abgelegenen Bädern war polizeilich nur schwer zu überwachen. Kaum ein Bad, das in den entsprechenden Protokollen nicht mehrmals unrühmliche Erwähnung fand.
So kritisierte der Trachselwalder Landvogt Samuel Fri-sching «… das ehrgerliche und Gottlosen Läbens und unnützen Wäsens mit Tantzen, Singen, schreyen, pfyffen, Gygen, Spihlen …». Ein Dorn im Auge war dem Landvogt zudem auch das überbordende Treiben in der Nacht: «… an Sambstagen zuo Nacht, mit nechtlicher uslöschung der Liechteren undt undermischung Mannen und Weibern, Knaben und Meittlinen alt und jungen inn einem Kasten ganz argwönisch. Ungescheücht und unabgeweret verübt und verbracht worden.» Er war auch überzeugt, dass «… die geringen Diensten, Knecht und Magt …» nicht ihrer Gesundheit wegen das Moosbad aufsuchten, sondern zur «… Vollbringung Geylheit und grossen Muotwillens …».
Bäder Prospekt mit spartanischen Vorschriften
Das war einst! Heute gibt es keine eigentlichen Kur-Bäder mehr im Emmental. Dennoch laden hier und dort schmucke Wirtshausschilder Namens Bad oder Bädli zum Verweilen und Geniessen. Ich nehme Sie gerne mit auf eine kurze Reise.
Rüttihubel-Bad
Nach dem Rüttihubelbad zieht’s mich immer,
wie heimelig, wie freundlich ist es dort!
Wer dich besucht, o, der vergisst dich nimmer,
Auf’s neue sehnt er sich an diesen Ort,
ein kleines Paradies in grünen Auen –
Wer möchte das nicht gern und freudig schauen?
Zu diesem Eintrag in einem alten Gästebuch gibt es eigentlich nichts anzufügen. Zwar gibt es längst keinen Badbetrieb mehr auf dem «Hubu», der 1779 urkundlich erstmals erwähnt wird. Aber herrlich essen und trinken, in Ruhe tagen, diskutieren und sich (weiter-)bilden, Kulturangebote erleben und geniessen, wie es auf der Webseite angepriesen wird, ist heute alleweil möglich. Immerhin hat im grossen Konzert- und Theatersaal die bekannte Theatergruppe Emmentaler Liebhaberbühne ihr neues Zuhause gefunden und da, wo beim Neubau Ende der 1980iger Jahre eigentlich auch wieder ein neues Bad vorgesehen war, lädt nun das «Sensorium» mit einem vielfältigen Angebot zur sinnlichen Wahrnehmung für Jung und Alt, buchstäblich zum «sinn-vollen» Verweilen ein.
Krummholz-Bad
Dem Gesuch von Johann Sterchi im Jahre 1823, ein Heilbad zu errichten, hat der damalige Regierungsrat des Kantons Bern nur teilweise entsprochen. Wegen zu «geringem Wert» des Wassers erlaubte er nur die Benützung der Quelle. 1834 erfolgte die offizielle Bad- und Gastwirt-schaftsbewilligung, und so lesen wir im 1880 erschienenen Buch Bäder und klimatische Kurorte der Schweiz:
«… Krummholzbad, ein stattlicher, 4-geschossiger Bau mit 6 Logierzimmern und 3 im Nebenhaus (heute Stöckli), 5 Badekabinetten mit 10 hölzernen Wannen. Die Quelle enthält kohlensaures Magnesia und kohlensaure Kalkerde und wird gegen rheumatische Gliederschmerzen und Kopfschmerzen sowie als Reinigungsbad von der Umgebung genutzt …» Nach einem Brand wurde der Gasthof 1878 neu errichtet. Damals wie heute spielen die feine Küche und das kulturelle Angebot im Krummholzbad, das seit 1927 mittlerweile in der dritten und bald vierten Generation der Familie Sommer geführt wird, eine wesentliche Rolle. Im rustikalen Dach-Saal finden regelmässig Lesungen – meist über den bekannten ehemaligen Talbewohner Simon Gfeller – und andere kulturelle Anlässe statt. Zuhinterst im Dürrgraben, der 1968 zu Ehren von Simon Gfeller, Lehrer, Schriftsteller und Ehrendoktor der Universität Bern, in Heimisbach umgetauft wurde, ist im ehemaligen Schulhaus Thal ein schlichtes, aber höchst informatives Museum eingerichtet. Vom Heimisbach auf die Lüderenalp führt zudem ein Wanderweg vorbei am Geburtshaus Gfellers, dem «Zuguet».
Wildeney-Bad
In der Dokumentation Die Heilquellen und Badeanstalten des Kantons Bern, 1892 erfahren wir, dass «… das Wildeneybad in 4 ½ Stunden von Bern und 1 ½ Stunden von Höchstetten (Grosshöchstetten) an der nach Langnau führenden Strasse ab Oberhofen rechts abbiegend am geröllreichen Dürrbach in sanfter Steigung am Fusse eines vom Kurzenberg auslaufenden steilen, waldigen Abhang …» zu erreichen sei. Nach heutigen Vorstellungen war die Erreichbarkeit damals nicht gerade einfach. Immerhin wurde eine Kritik im Bernischen Fremdenblatt von 1894 ernstgenommen. Es wurde beanstandet, dass der Wirt vom Wildeneybad, das 1641 urkundlich erstmals erwähnt wird, wegen «etlicher Kilbenen» vor das Chorgericht zitiert werden musste. Und dass das Bad «… weder durch einen Wegweiser noch sonst irgendwie bezeichnet wurde, ja die Badwirtschaft habe nicht einmal ein Wirtshausschild ausgehängt».
Im Wildeney-Bad muss es gemäss diversen Chorgerichts-manualen immer wieder wild zu und her gegangen sein. So ist etwa im Frühjahr 1672 vermerkt, dass junge Leute
«… bey gemeldetem Baad gefressen und gesoffen und hiermit den Sabbath entheiligt und in dem heimgahn zu Nacht dem Chorrichter Luginbühl seinen Zuhn in der Matten mutwilligerweyse geschöndet und verderbt …». Aber auch der Pfarrer von Schlosswil bat 1673, «… das Wildeneybad, so ganz ergerlich, möchte abgeschaffet werden …». Nun, soweit kam es glücklicherweise nicht, und so kann das Wildeney-Bad auch heute noch, zwar nicht mehr als Bad «… mit erdiger Eisenquelle, gut gegen Hautkrankheiten, Stiefigkeit nach Muskelanstrengungen und Verrenkungen», aber als lauschig kühler Ort an heissen Sommertagen und als Geheimtipp für köstliche Wild-Spezialitäten zur Herbstzeit aufgesucht werden.
Sommerhaus
1659 wurde für das urkundlich 1571 erstmals erwähnte «äussere Sommerhaus» in Burgdorf eine erste Badkonzession erteilt, wo bis etwa um 1900 ein rege besuchter Badebetrieb betrieben wurde. In einer interessanten Kurzschrift hat Dr. Alfred G. Roth die bewegte Geschichte des heute der Burgergemeinde Burgdorf gehörenden Anwesens festgehalten.
Text: Fritz von Gunten
Bilder: zvg
Dieser Beitrag wurde in Zusammenarbeit mit Lebenslust Emmental erstellt.
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