Scherenschnitte Esther Gerber

Die ganze Welt – auf dünnem Papier

Esther Gerber und ihre Helferinnen stecken mitten in den Vorbereitungen für den nächsten Weihnachtsmarkt. Bald schon wird die 57-Jährige am Zürcher Bahnhof ihre filigranen Scherenschnitt-Kunstwerke anbieten, gemeinsam mit Geschenkartikeln wie Portemonnaies, Schreibkarten und Fondue-Caquelons, die alle mit ihren Scherenschnitten verziert sind.

 

«Vor ungefähr 23 Jahren machte ich einen Kurs bei den Landfrauen zum Thema Scherenschnitte. Dort wurde mir bewusst, dass das Zeichnen beziehungsweise Vorzeichnen der Scherenschnitte sehr wichtig ist und dass ich das gut konnte. Das Schneiden selbst faszinierte mich natürlich auch. Von da an liessen mich die Scherenschnitte nie mehr los», erzählt Esther Gerber mit einem Funkeln in ihren Augen. Später schenkte ihr Mann ihr einen Kurs beim bekannten Scherenschnitt-Meister Ernst Oppliger. «Er ist in meinen Augen ein grosser Künstler, der mir die Freude und die vielen Möglichkeiten vermitteln konnte, was man mit Scherenschnitten alles machen kann», erinnert sich Gerber.

Naturgetreu soll es sein
Moderne Motive schneidet Esther Gerber eher selten, da diese bei ihrer Kundschaft nicht so viel Anklang finden. «Ich finde auch, dass ein Schattenbild ein Schattenbild ist und deshalb schwarz bleiben sollte. Aber ich gestalte beispielsweise Bäume und Berge etwas anders als üblich. Ich mache keine stilisierten Bäume oder Berge, sondern will diese so naturgetreu gestalten, dass man sie erkennt.» Jeder Scherenschnitt wird zuerst von Hand skizziert – natürlich seitenverkehrt. Nachher folgt die filigrane und zeitraubende Arbeit des Ausschneidens mit der Schere.

Häufig erhält die Kunsthandwerkerin auch den Auftrag, das Bauernhaus eines Kunden inklusive Umschwung als Scherenschnitt zu entwerfen. Diese Arbeiten sind oft so aufwändig, dass sie dafür zwischen 50 und 150 Stunden benötigt. «Momentan mache ich keine so grossen Scherenschnitte, dafür bleibt mit all den Weihnachtsmärkten schlicht keine Zeit», erklärt Gerber. Von Januar bis Juni findet sie dann wieder mehr Musse, um sich auch grösseren Werken zu widmen. Kleinere Scherenschnitte erstellt sie über das ganze Jahr hinweg.

Vom Hobby zum Geschäft
Mittlerweile ist Esther Gerber mit dem Verkauf ihrer Scherenschnitte so erfolgreich, dass sie mehrere Angestellte beschäftigen kann. Die Auslastung ist im Winter, der Nachfrage entsprechend, grösser. Die Scherenschnitte macht sie alle alleine, aber beim Herstellen der Geschenkartikel, beim Verpacken und der Buchhaltung benötigt sie Unterstützung. «Es fing als kleines Hobby an, nur mit den Scherenschnitten. Dann kamen Karten dazu, danach Kalender, es folgten Laternen – so kam jedes Jahr etwas neues dazu.» Oft sind es auch Kunden oder andere Handwerker, die neue Produkte anregen. Eine Handwerkerin, die Portemonnaies herstellt, wollte diese mit den Scherenschnitten von Esther Gerber verzieren. Und so gelangten auch Portemonnaies ins Sortiment. 2011 gründete die Kunsthandwerkerin ein Einzelunternehmen und dann kam ein regelrechter Boom: «Diese Nachfrage hat uns fast etwas überrollt», lacht Gerber. Sie freut sich sichtlich, dass ihre Scherenschnitte so grossen Anklang finden. Gleichzeitig ist ihr aber auch bewusst, dass der aktuelle Boom irgendwann auch wieder enden könnte.

Das «Schärle» als Therapie
«Am liebsten schneide ich Bäume», erzählt Esther Gerber. «Jeder ist anders, aber alle strahlen sie eine grosse Kraft aus.» Sehr gerne arbeitet sie auch an den Rändern der Scherenschnitte und kreiert zum Beispiel traditionelle Edelweiss-Muster. Sowieso ist das «Schärle», wie die Kunsthandwerkerin ihr Tun selbst nennt, für sie total entspannend. «Ich gleite in eine andere Welt und vergesse alles, was mich nervt – es ist wie eine Therapie.»

Scherenschnitte – ein Hobby im Aufwind
Das Hobby des Scherenschnitt-Machens erfreut sich wachsender Beliebtheit. Esther Gerber ist Mitglied im Schweizer Verein Freunde des Scherenschnitts, der rund 500 Mitglieder zählt. Viele davon  sind selbst nicht aktiv, unterstützen jedoch die anderen Scherenschnitt-Macher. Das «Schärle» ist ein relativ erschwingliches Hobby: Eine spezielle Scherenschnittschere kostet circa 100 Franken, das Papier kostet pro Bogen etwa vier Franken. Dazu kommt der «Preis», den alle Anfänger entrichten müssen: viel Zeit und Durchhaltewillen.

 

© Christian Bärtschi / Bärtschi-Texte

 

zurück zu: Handwerk